Auf dem weiteren Weg änderte sich dann die Umgebung deutlich. Die Läden verloren ihr europäisches Bild. Ein Laden in dieser Gegend ist ein Raum, dessen vierte Wand zur Straße hin einfach offen ist. Ein Garagentor verschließt den Laden in der Nacht möglicherweise dann, wenn ich schon längst schlafe, denn ich habe es nie gesehen. Im Laden spielen die Kinder, auf der Straße bereitet die Frau das Essen, spielt sich offenbar das ganze Leben ab. Hier wurde ich nicht aggressiv angesprochen wie auf den Touristenmärkten. Ein freundlicher Gruß, ein Lächeln, eine Handbewegung zu den Waren, das war alles und es tat wohl. Gern hätte ich dieses Leben fotografiert, aber ich habe nur die Läden ohne die Menschen aufgenommen, weil alles andere zu intim gewesen wäre.

Das Restaurant auf dem nächsten Bild zeigt sehr schön das Design der Eingangstür. Leider ist es kein Restaurant, in dem man nach der englischen Speisekarte fragen kann. Aber es ist ein Punkt, wo offenbar Nachbarn sitzen und schwätzen.

Hier findet man auch noch die gute alte Wandzeitung.

Und dann sind da klitze kleine Nebengassen, an denen ich mehrfach vorbei gegangen bin, ehe ich mich getraut habe, hinein zu fotografieren. Ich merkte, wie ich in das Leben der Menschen eindrang, so lebendig und kommunikativ ging es dort zu.
Jedenfalls traute ich mich nicht, durch ein solches Gässchen zu gehen, ich wäre mir wie ein Eindringling vorgekommen.

Und dann gibt es dort auch noch die Plätze zur Volksertüchtigung, die in längst vergangenen Zeiten vor oder während der Kulturrevolution einmal eingeführt worden sind. Und sie werden auch reichlich genutzt. Und wenn ich das Surren und Reden höre, frage ich mich, wie diese Menschen einen Umzug in eines dieser modernen Domizile mit über hundert Wohneinheiten überstehen würden und ob sie diesen Umzug wünschen und wenn ja, ob sie wissen, was sie sich damit antun. Jedenfalls höre ich aus vielen Gesprächen, dass in Shanghai die Größe einer Wohneinheit ein Argument in der Werbung ist: Je größer desto beliebter. Ich mag es kaum glauben.

Karten- und Brettspiel ist offenbar auch ein Volkssport und hat eher noch mehr Freunde.


Doch irgendwann war ich durch dies Viertel durch und das moderne Shanghai hatte mich wieder.

Es war ein eindrucksvoller Spaziergang und ich habe mich gefreut, dass es auch dieses Shanghai noch gibt. Vielleicht werden irgend wann die Reste entdeckt und zur Touristenattraktion ausgebaut. Denn dass es beliebig lange im Verborgenen einer so pulsierenden und prosperierenden Stadt blühen kann, das mag ich kaum glauben.