Shanghai - Eine persönliche Erfahrung


Suche nach dem alten Shanghai


Eigentlich hatte ich gar nicht systematisch nach einer Altstadt gesucht. Sicherlich gibt es beeindruckenderes, als ich es gesehen habe. Um einmal aus Shanghai heraus zu kommen, hatte ich mich entschlossen, mit der Bahn zu fahren. Am Bahnhof erlebte ich eindrucksvoll, wie ein von Menschen erfüllter Raum aussieht.
Gewimmel in der Bahnhofsvorhalle

Mutig habe ich mich in eine dieser Schlangen gestellt, in der eine Tafel anzeigte, dass die Schalterbeamtin englisch sprach. Die armen, die hinter mir standen. Sie wurden schon recht aufgeregt, weil diese dumme Langnase nur schwer mit dem chinesischen Bahnsystem vertraut gemacht werden konnte. Schließlich hatte ich eine Fahrkarte für den nächsten Morgen gekauft, denn die Züge nach Nanjing für den laufenden Tag waren ausgebucht. Eine Rückfahrkarte konnte Sie mir nicht geben, denn das Computer Netz nach Nanjing funktionierte nicht. So ging ich zurück auf den Bahnhofsvorplatz. Auch dort war es voll. Man muss allerdings dazu sagen, dass in China die Woche des 1. Mai arbeitsfrei ist und damit eine Ferienwoche mit Heimreise- und Rückreise- und Urlaubsreiseverkehr ist, wohl wie überall in der Welt.
Bahnhofsvorplatz

Hier hatte ich ein nettes Erlebnis mit einem jungen Mann, der sein Gepäck in einem prallen Sack auf der Schulter trug und sich angeregt mit mir unterhielt, ganz wissbegierig war er, und ich erzählte ihm bereitwillig. Jedesmal, wenn ich mich von ihm verabschiedet habe, tauchte er nach kurzer Zeit wieder mit einer neuen Frage auf. Was mochte ihn nur so an mir interessieren? Dann rückte er mit der Sprache heraus: Er sammelt Dollarnoten, ob ich nicht eine hätte. Ganz lieb und fast beiläufig sagte er das. Mittlerweile waren wir aber schon so weit vom Bahnhof entfernt, dass er sich dann doch entschloss, umzukehren, denn ich schien ihn auch gar nicht mehr zu verstehen. Hier sei es gestanden, ich hatte meine kurzfristige Sprachstörung nur vorgetäuscht, um intensiveren Diskussionen über die Grundprinzipien des Sammelns von Dollarnoten auszuweichen. Immerhin, es war sehr originell, und er hat sich viel Zeit mit mir genommen, leider vergeblich. Keine meiner Dollarnoten ist in seine Sammlung gewandert.

Hier sei die Bemerkung eingeschoben, dass ich selbstverständlich häufig und auch ausdauernd angesprochen wurde. Es gibt kaum eine Dienstleistung, die mir nicht angeboten wurde. Und manchmal dauerten die Gespräche auch länger als mir lieb war. Aber nie habe ich auch nur den Ansatz einer Bedrohung empfunden. Dies habe ich in Europa und Amerika schon anders erlebt. Übrigens beeindruckt es den chinesischen Straßenhändler sehr, wenn man singt. Sagt man nur "Nein", so wird sein Ehrgeiz geweckt und das Gespräch ist keineswegs zu Ende. Immer, wenn ich begonnen habe, leise vor mich hin zu singen, haben sie gelacht, die Botschaft offenbar verstanden und sind gegangen.

Ich hatte mich entschlossen, vom Bahnhof aus nach Südwesten, in Richtung meines Hotels zu gehen, um ein wenig von Shanghai zu erleben und nicht nur alles aus dem Taxi heraus zu beobachten. Als erstes kam ich an eine große Straßenkreuzung, die vollständig in alle vier Richtungen von einer Fußgängerbrücke überspannt war. Von hier hatte ich einen guten Blick.
Fußgängerbrücke

Ein kleiner Junge versuchte, das Gespräch mit mir auf zu nehmen. Ob er verstand, dass ich ihn nicht verstand? Seine Mutter schien es ihm zu erklären. Ich machte ein Foto von ihm. Als ich es ihm auf dem Bildschirm zeigte, freute er sich. Ein klitzekleiner Kommunikationsversuch in eine ganz andere Welt.
Kleiner Junge

Beim Fotografieren zeigten sich, geduckt, als wollte es sich hinter einem Industriehof verstecken, einige alte Häuser. Nicht schön zurecht gemacht, aber ein Glanz von dem, wie es um den Bahnhof wohl einmal ausgesehen haben mag.
Glanz

Der Industriehof dominierte, da war kein Scharm einer alten Zeit, aber ein wenig vom alten Shanghai mag es schon gewesen sein.
Genauerer Blick

Doch als ich mich in Richtung dieser Spuren des alten Shanghai ging, wurde ich von einem schön geschmückten Denkmal überrascht.
Geschmücktes Denkmal

Noch überraschter war ich, als ich den Namen des so geehrten entdeckte:
Bach-Denkmal

Auf dem Bild kann man es nur teiweise sehen, es war ein Denkmal für Johann Sebastian Bach. Und es stand nicht nur so herum, es war offenbar erst vor kurzem mit Papierrosen und einigen Noten in Erinnerung gebracht worden.

Der Weg führte über eine Brücke eines kleinen Flusses, auf dem auch Schiffsverkehr war. Und dort entdeckte ich wieder eine Ecke, in der noch ein wenig vom alten Shanghai stand. Es stand dort nicht wie eine Museumsinsel, nein, eher wie vergessen hinter einigen neueren Häusern.
Ein weiterer Altbau

Nach einigen Schritten wurde klar, dass dieses kleine Fleckchen durchaus nicht vergessen war. Es war entdeckt, die neue Zeit ging ihren Weg.
Abriss

Ich war wohl weit und breit der einzige, der hier mit solch sentimentalen Gedanken daherkam. Denn als ich unter der Brücke auf der anderen Seite der Straße am Fluss entlangging, offenbarte sich mir die Veränderung, die die Erneuerer Shanghais wohl hier im Sinn haben. Der Weg am Fluss war grün und angenehm gestaltet.
Der grüne Weg am Fluss

Gern hätte ich auch die Liebespaare fotografiert, denen ich auf diesem Weg begegnet bin, aber das verbot sich und sei hier nur erwähnt. Auch ein älteres Paar war dabei, das ganz verliebt auf einer Bank turtelte. Da wurde der einsame Wanderer schon ein wenig neidisch.

Der Chinese wird hier die Harmonie mit der Natur empfinden, als einfältiger Europäer habe ich mich über das schön gestaltete Grün nur gefreut und mich auch ein wenig gewundert, dass man den Blick auf den Fluss dem Spaziergänger fast völlig genommen hat.

Diesen hatten um so besser die Anwohner, die in den Häusern am Weg wohnten.
Anwohner

Leider musste ich diesen Weg verlassen, um wieder meine Süd-West-Richtung einzuschlagen, damit ich mich nicht in diesem Stadtteil völlig verlor. So überquerte ich die nächste Brücke und habe dort ein wenig indiskret das ganz normale chinesische Leben fotografiert. Ein Großelternpaar ging mit seinem Enkel vorbei. Ob es wohl das einzige Enkel ist? Eine Familie mit einem Kind wird wohl, wenn dieses wieder ein einziges Kind hat, nur ein Enkel erwarten können.
Großeltern

Radler überholten mich. Ein Lasttaxi und eine ganz normale Radlerin. Da möge man nicht vorschnell seine Schlüsse ziehen, vielleicht ist sie ja eine Wissenschaftlerin oder Ärztin. Selbst, wenn sie hier beruflich radeln sollte, was um diese Zeit eher unwahrscheinlich ist, sagt es noch gar nichts über ihren Status aus. Da muss man in Shanghai umdenken.
Radler

Aber auch Moped und Motorrad sind reichlich vertreten und auch sehr viele private PKW. Es sind so viele private PKW in Shanghai gemeldet, dass die Stadtregierung die weitere Zulassung kontingentiert hat. Über eine Versteigerung kommt der private Bürger Shanghais an eine Zulassung. Das kostet dann noch einmal ein paar tausend EURO extra zum Kaufpreis des Fahrzeugs. Ein reiches Land?

Aber hier in diesem Viertel war es relativ still um den PKW-Verkehr.

Auf der anderen Seite der Brücke gab es wieder eine kleine Reihe alter Häuser. Warum hatten sie überlebt? Oder warten sie nur darauf, dass der grüne Weg fortgesetzt wird?
Altbauten am Fluss

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